Wenn alternde Zellen die Beweglichkeit bremsen

By ELESSAR

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Ein älterer Mann geht an einem sonnigen Tag durch einen Park
Shixart1985 · Wikimedia Commons · CC BY

Wenn alternde Zellen die Beweglichkeit bremsen

Warum werden manche Menschen im Alter langsam und wackelig, während andere lange kräftig bleiben? Ein neues Übersichtsreview versammelt die Belege dafür, dass zwei stille Prozesse im Körper daran beteiligt sind: eine dauerhaft schwelende Entzündung und Zellen, die zwar nicht sterben, aber ihre Arbeit einstellen.

Mit dem Alter verändert sich der Körper auf eine Weise, die man an sich selbst spürt, lange bevor eine Diagnose sie benennt: Das Aufstehen fällt schwerer, der Gang wird unsicherer, die Kraft im Griff lässt nach. Ein Forschungsteam hat in einer Fachzeitschrift für Alternsmedizin ein Übersichtsreview vorgelegt, das zwei biologische Vorgänge zusammendenkt, die man lange getrennt betrachtet hat. Der erste ist das sogenannte Inflammaging, ein Kunstwort aus inflammation, also Entzündung, und ageing, Altern. Gemeint ist eine dauerhaft leicht erhöhte Entzündungsaktivität im Körper, die niemand als Krankheit wahrnimmt, die aber über Jahre im Hintergrund läuft. Der zweite Vorgang ist die zelluläre Seneszenz: Zellen, die sich nicht mehr teilen und ihre eigentliche Aufgabe aufgeben, ohne abzusterben. Ein Review dieser Art führt keine eigenen Experimente durch. Es sammelt und ordnet, was einzelne Studien an Zellen, Tieren und Menschen bereits gezeigt haben, und versucht, daraus ein zusammenhängendes Bild zu formen. Genau das ist hier die Absicht: zu zeigen, wie diese beiden Prozesse ineinandergreifen und dabei die körperliche Beweglichkeit im Alter untergraben könnten.

Der Kern der Argumentation dreht sich um eine unangenehme Eigenschaft alternder Zellen. Sie sterben nicht einfach still, sondern beginnen, ein Gemisch aus entzündungsfördernden Botenstoffen auszuschütten. Die Fachwelt nennt dieses Sekret SASP, kurz für senescence-associated secretory phenotype, also das Ausscheidungsmuster, das mit der Zellalterung einhergeht. Man kann sich eine solche Zelle wie einen defekten Rauchmelder vorstellen, der nicht mehr warnt, wenn es brennt, aber ständig ein leises Alarmsignal absondert. Dieses Signal reizt das umliegende Gewebe. Im Muskel, so die zusammengetragene Evidenz, könnte dieser Dauerreiz den Abbau begünstigen. Die Autoren verknüpfen das mit der Sarkopenie, dem altersbedingten Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft, der viele Menschen jenseits der sechzig betrifft. Ihr Bild ist ein Kreislauf: Entzündung fördert die Zellalterung, alternde Zellen befeuern über das SASP wiederum die Entzündung, und beides zusammen schwächt den Muskel. Nachlassende Kraft bedeutet weniger Bewegung, und weniger Bewegung verstärkt die stille Entzündung erneut. Wichtig ist, was das Review nicht behauptet: Es zeigt keinen einzelnen Auslöser und keine Kette, die man beim Menschen sauber gemessen hätte. Es beschreibt ein plausibles Zusammenspiel, gestützt auf viele Einzelbefunde unterschiedlicher Qualität.

Die Idee, dass Entzündung das Altern antreibt, ist nicht neu. Seit über zwei Jahrzehnten diskutiert die Forschung das Inflammaging als einen der roten Fäden, die sich durch viele altersbedingte Leiden ziehen, vom Herz-Kreislauf-System bis zum Gehirn. Neu ist der Versuch, diese Entzündung so eng mit dem Verlust an Beweglichkeit zu verweben und die zelluläre Seneszenz als Bindeglied dazwischenzuschalten. In Studien an Mäusen hat man bereits beobachtet, dass sich alternde Zellen gezielt beseitigen lassen und dass die Tiere danach in manchen Tests beweglicher wirken. Solche Substanzen heißen Senolytika, wörtlich Auflöser der Alterszellen. Beim Menschen stehen diese Ansätze jedoch am Anfang. Es gibt erste kleine klinische Versuche, aber keine großen, langfristigen Studien, die belegen würden, dass das Entfernen solcher Zellen die Gehgeschwindigkeit oder die Selbstständigkeit im Alltag verbessert. Der Wert dieses Reviews liegt weniger in einem neuen Befund als darin, ein Feld zu sortieren und die offenen Fragen sichtbar zu machen.

Aus einem Übersichtsreview lassen sich keine neuen Rezepte ableiten, und die Autoren geben auch keine. Was sie erwähnen, deckt sich weitgehend mit dem, was für die Muskelgesundheit im Alter ohnehin gut belegt ist und aus anderen, stärkeren Studien stammt. Regelmäßige Bewegung, besonders Krafttraining, gilt als eine der wenigen Maßnahmen mit robuster Datenlage gegen den Muskelabbau. Eine ausreichende Eiweißzufuhr spielt dabei eine Rolle. Diese Empfehlungen sind allgemeiner Natur und ersetzen keine individuelle Beratung. Wer bereits an Kraft oder Standsicherheit verliert, ist mit einer ärztlichen oder physiotherapeutischen Einschätzung besser bedient als mit Substanzen, die im Labor vielversprechend aussehen, deren Nutzen beim Menschen aber offen bleibt. Von Senolytika oder ähnlichen experimentellen Wirkstoffen außerhalb kontrollierter Studien raten seriöse Fachleute derzeit ab.

Ein narratives Review steht und fällt mit der Auswahl der zusammengetragenen Arbeiten, und diese Auswahl folgt keinem festen, überprüfbaren Suchprotokoll wie bei einer systematischen Übersicht. Das öffnet Spielraum für eine unbewusste Bevorzugung von Studien, die zur Hauptthese passen. Viele der zugrunde liegenden Befunde stammen aus Zellkulturen und Tierversuchen. Was in der Maus geschieht, überträgt sich nicht zwangsläufig auf den Menschen, dessen Muskeln, Immunsystem und Lebensspanne anders funktionieren. Die beschriebenen Zusammenhänge sind zudem überwiegend Assoziationen: Entzündung und Beweglichkeitsverlust treten gemeinsam auf, doch daraus folgt nicht, dass das eine das andere verursacht. Es könnte ebenso sein, dass ein dritter Faktor beides antreibt. Und schließlich fehlen die entscheidenden Belege dafür, dass ein gezielter Eingriff in diese Prozesse die Beweglichkeit älterer Menschen tatsächlich erhält.

Das Review liefert kein Werkzeug, das man morgen einsetzen könnte, sondern eine Landkarte. Es zeigt, wie stille Entzündung und alternde Zellen zusammen an der Beweglichkeit zehren könnten, und markiert die Stellen, an denen das Wissen noch dünn ist. Für den Einzelnen bleibt die nüchterne Botschaft, dass die wirksamsten Hebel gegen den Kraftverlust im Alter bereits bekannt und unspektakulär sind. Die Biologie dahinter besser zu verstehen, könnte irgendwann neue Ansätze eröffnen. Bis dahin ersetzt kein Molekül das, was ein trainierter Muskel leistet.

Quellen

  1. Inflammaging and cellular senescence in the pathophysiology of mobility decline in older adultsAutorengruppe et al. · 2025 · Aging Clinical and Experimental ResearchDOI 10.1007/s40520-025-03278-zPMID 41609972