Wenn nur der untere Blutdruckwert steigt: eine Spur zum Stoffwechsel

By ELESSAR

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Blutdruckmessung an einer Person mit Manschette und Stethoskop
Jesse K. Alwin, U.S. Marine Corps · Wikimedia Commons

Wenn nur der untere Blutdruckwert steigt: eine Spur zum Stoffwechsel

Ein leicht erhöhter unterer Blutdruckwert bei normalem oberen Wert gilt oft als harmlos. Eine neue Auswertung deutet an, dass dahinter ein gestörter Zuckerstoffwechsel stecken könnte. Der Zusammenhang ist bislang nur beobachtet, nicht bewiesen.

Der Blutdruck besteht aus zwei Zahlen. Der obere Wert, systolisch genannt, entsteht, wenn das Herz Blut in die Gefäße pumpt. Der untere Wert, der diastolische, misst den Druck in der Ruhephase zwischen zwei Herzschlägen. In der Regel richtet sich die Aufmerksamkeit auf den oberen Wert, weil er mit steigendem Alter am stärksten wächst und eng mit Schlaganfall und Herzinfarkt verknüpft ist. Es gibt aber eine Konstellation, die aus diesem Muster fällt: der obere Wert bleibt normal, während allein der untere Wert erhöht ist. Ärztinnen und Ärzte nennen das isolierte diastolische Hypertonie. Sie tritt oft bei jüngeren Erwachsenen auf und wird häufig als weniger bedrohlich eingeschätzt. Eine in der Fachzeitschrift Frontiers in Cardiovascular Medicine veröffentlichte Untersuchung ging der Frage nach, ob hinter dieser Form des Bluthochdrucks ein Stoffwechselproblem steht. Konkret schauten die Forschenden auf die Insulinresistenz, also den Zustand, in dem die Körperzellen schlechter auf das Hormon Insulin ansprechen und mehr davon nötig ist, um den Blutzucker zu regeln. Insulinresistenz gilt als Vorstufe vieler stoffwechselbedingter Erkrankungen.

Die Auswertung verglich Menschen mit isolierter diastolischer Hypertonie mit Personen ohne diese Blutdruckform. Wer allein einen erhöhten unteren Wert hatte, wies häufiger Marker einer Insulinresistenz auf. Zugleich zeigte sich ein erhöhter systemischer Gefäßwiderstand. Damit ist der Widerstand gemeint, den das Blut in den kleinen Arterien überwinden muss. Steigt dieser Widerstand, muss das Herz gegen einen stärkeren Gegendruck arbeiten, und gerade der diastolische Wert reagiert darauf empfindlich. Die beiden Beobachtungen fügen sich zu einer plausiblen Kette: Ein gestörter Zuckerstoffwechsel könnte über verschiedene Wege dazu führen, dass sich die kleinen Gefäße verengen, was wiederum den unteren Blutdruckwert nach oben treibt. Die Studie liefert damit ein Argument dafür, die isolierte diastolische Hypertonie nicht nur als Druckproblem zu sehen, sondern als möglichen Hinweis auf den Stoffwechsel dahinter. Wichtig bleibt die Einschränkung: Die Daten zeigen, dass beides gemeinsam auftritt, nicht, dass das eine das andere verursacht.

Dass Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen zusammenhängen, ist keine neue Idee. Beide gehören zum sogenannten metabolischen Syndrom, einem Bündel aus erhöhtem Blutdruck, gestörtem Zuckerstoffwechsel, ungünstigen Blutfetten und vermehrtem Bauchfett. Bislang stand dabei meist der obere Blutdruckwert im Vordergrund. Der Beitrag dieser Arbeit liegt darin, die oft übersehene isolierte diastolische Form gezielt mit der Insulinresistenz zu verknüpfen und den erhöhten Gefäßwiderstand als möglichen Verbindungspunkt zu benennen. Für die Praxis wirft das eine unbequeme Frage auf. Ein junger Mensch mit normalem oberen und leicht erhöhtem unteren Wert bekommt manchmal die Auskunft, das sei nicht weiter besorgniserregend. Sollte sich der beobachtete Zusammenhang in weiteren Studien bestätigen, könnte dieselbe Messung als früher Anlass gelten, den Zuckerstoffwechsel genauer anzuschauen. So weit ist die Evidenz aber noch nicht. Ein einzelner Beobachtungsbefund verschiebt den Wissensstand, er ersetzt ihn nicht.

Aus einer einzelnen Beobachtungsstudie lässt sich keine Anweisung ableiten, und niemand sollte auf ihrer Grundlage etwas an einer bestehenden Behandlung ändern. Sinnvoll ist ein nüchterner Umgang mit den eigenen Werten. Wer bei Messungen wiederholt einen erhöhten unteren Blutdruckwert bemerkt, kann das bei der nächsten ärztlichen Untersuchung ansprechen, gerade wenn zusätzlich Risikofaktoren wie Übergewicht, wenig Bewegung oder Fälle von Typ-2-Diabetes in der Familie vorliegen. Ob eine Abklärung des Zuckerstoffwechsels angezeigt ist, entscheidet das medizinische Fachpersonal im Einzelfall. Allgemein gilt, was für die metabolische Gesundheit ohnehin gut belegt ist: regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und ausreichender Schlaf wirken sowohl auf den Blutdruck als auch auf die Insulinempfindlichkeit günstig. Das sind keine spezifischen Schlüsse aus dieser Studie, sondern der allgemeine Rahmen, in den sie sich einordnet.

Die wichtigste Einschränkung liegt im Design. Es handelt sich um Beobachtungsdaten, die einen Zusammenhang zu einem Zeitpunkt beschreiben. Ob die Insulinresistenz den erhöhten unteren Blutdruckwert antreibt, ob es umgekehrt ist oder ob ein dritter Faktor beide erklärt, lässt sich daraus nicht klären. Störfaktoren wie Alter, Körpergewicht, Ernährung und körperliche Aktivität können den Zusammenhang mitprägen, auch wenn sie statistisch berücksichtigt werden. Marker der Insulinresistenz sind zudem Näherungswerte und nicht mit einer direkten Messung des Stoffwechsels gleichzusetzen. Wie groß der Effekt im Alltag tatsächlich ist und ob er sich in andere Bevölkerungsgruppen übertragen lässt, bleibt offen. Belastbar würde der Befund erst durch prospektive Studien, die Menschen über die Zeit begleiten, und durch Untersuchungen, die den vermuteten Mechanismus gezielt prüfen.

Der untere Blutdruckwert steht selten im Rampenlicht. Diese Untersuchung erinnert daran, dass ein isoliert erhöhter diastolischer Wert mehr sein könnte als eine Randnotiz: möglicherweise ein früher Fingerzeig auf einen Stoffwechsel, der aus dem Takt gerät. Bewiesen ist das nicht. Aber es lohnt sich, einen scheinbar harmlosen Messwert nicht vorschnell abzuhaken.

Quellen

  1. Isolated diastolic hypertension is associated with insulin resistance and elevated systemic vascular resistanceet al. · 2026 · Frontiers in Cardiovascular MedicineDOI 10.3389/fcvm.2026.1834237PMID 42325680