Intervallfasten wirkt bei Frauen und Männern unterschiedlich
By ELESSAR

Intervallfasten wirkt bei Frauen und Männern unterschiedlich
Intervallfasten gilt als einfache Methode, um abzunehmen und den Stoffwechsel zu verbessern. Doch die meisten Empfehlungen behandeln alle Menschen gleich. Ein neues Review argumentiert, dass der Körper von Frauen anders auf Fastenphasen reagiert als der von Männern, und dass diese Unterschiede in der Forschung bislang zu selten mitgedacht wurden.
Intervallfasten hat sich innerhalb weniger Jahre von einer Nischenidee zu einer der meistdiskutierten Ernährungsstrategien entwickelt. Gemeint sind Muster, bei denen sich Phasen des Essens und des Fastens abwechseln: das tägliche Zeitfenster, in dem gegessen wird, etwa auf acht Stunden begrenzt, oder ganze Fastentage über die Woche verteilt. Der Reiz liegt in der Einfachheit. Man muss nicht zählen, was auf dem Teller liegt, sondern nur, wann er dasteht. Was in vielen Ratgebern jedoch fehlt, ist eine schlichte biologische Tatsache: Der Körper einer Frau und der eines Mannes gehen mit Nahrungsmangel nicht auf dieselbe Weise um. Genau hier setzt eine Übersichtsarbeit an, die 2025 in der Fachzeitschrift Nutrients erschienen ist. Die Autorinnen und Autoren tragen die vorhandene Forschung zusammen und fragen: Wie verändert das biologische Geschlecht die Antwort des Körpers auf Intervallfasten? Es handelt sich um ein narratives Review, also eine sichtende und ordnende Zusammenfassung der Literatur, nicht um ein neues Experiment. Das Review führt keine eigenen Messungen durch, sondern verknüpft Befunde aus Studien an Menschen und aus der Grundlagenforschung.
Der rote Faden der Arbeit ist ein Begriff aus der Sportphysiologie: die Energieverfügbarkeit. Damit ist die Energie gemeint, die dem Körper nach Abzug des Verbrauchs durch Bewegung noch für seine Grundfunktionen bleibt. Fällt sie zu niedrig aus, fährt der Körper Prozesse herunter, die er in diesem Moment für entbehrlich hält. Bei Frauen betrifft das früh und deutlich das Fortpflanzungssystem. Sinkt die verfügbare Energie über längere Zeit ab, kann das die hormonelle Steuerung des Zyklus stören, bis hin zum Ausbleiben der Menstruation. Der weibliche Körper reagiert damit empfindlicher auf ein Energiedefizit, was die Autorinnen und Autoren als eine über die Evolution entstandene Schutzreaktion deuten. Bei Männern verläuft die Antwort anders. Auch ihr Hormonhaushalt und Stoffwechsel verändert sich unter Fastenbedingungen, doch die Reaktion des Fortpflanzungssystems fällt in der Regel weniger ausgeprägt aus. Auch bei der Körperzusammensetzung zeichnen sich Unterschiede ab, etwa darin, wie Fett- und Muskelmasse auf die gleichen Fastenprotokolle reagieren. Das Review betont dabei durchgehend, dass die Datenlage uneinheitlich ist und viele Studien fast ausschliesslich Männer eingeschlossen haben.
Das eigentliche Anliegen der Arbeit ist weniger eine einzelne Zahl als eine methodische Mahnung. Ein grosser Teil der Ernährungs- und Stoffwechselforschung wurde an Männern durchgeführt oder wertet die Ergebnisse nicht getrennt nach Geschlecht aus. Frauen wurden lange seltener eingeschlossen, unter anderem weil der Menstruationszyklus als störende Variable galt. Genau diese Variable ist aber Teil der Antwort. Wer Empfehlungen zum Intervallfasten für die halbe Bevölkerung aus Daten der anderen Hälfte ableitet, übersieht möglicherweise Effekte, die für Frauen zentral sind. Neu an dem Review ist nicht die Entdeckung eines einzelnen Mechanismus, sondern die systematische Zusammenschau: Es verbindet die Konzepte Energieverfügbarkeit, Fortpflanzungshormone und Körperzusammensetzung zu einem Argument dafür, das Geschlecht in Fastenstudien konsequent mitzudenken. Damit reiht es sich in eine breitere Bewegung der Medizin ein, die geschlechtsspezifische Unterschiede ernster nimmt, von der Herz-Kreislauf-Forschung bis zur Pharmakologie.
Für den Alltag lässt sich aus einem Review dieser Art keine Vorschrift ableiten, wohl aber eine Haltung. Wer über Intervallfasten nachdenkt, sollte pauschale Versprechen mit Vorsicht lesen, besonders wenn sie Frauen und Männer über einen Kamm scheren. Frauen im gebärfähigen Alter könnten besonders auf Signale des Körpers achten, etwa auf Veränderungen des Zyklus, anhaltende Müdigkeit oder Leistungseinbrüche, die auf ein zu grosses Energiedefizit hindeuten können. Solche Zeichen sind ein Anlass, das Vorgehen anzupassen und bei Bedarf ärztlichen Rat einzuholen. Fasten und intensiver Sport zusammen verstärken das Risiko einer zu niedrigen Energieverfügbarkeit. Grundsätzlich gilt: Intervallfasten ist eine Methode unter vielen und für manche Menschen ungeeignet, etwa in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Essstörungen in der Vorgeschichte oder bei bestimmten chronischen Erkrankungen. Diese Fragen gehören in ein Gespräch mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal, nicht in einen Ratgebertext.
Ein narratives Review steht am unteren Ende der Beweiskraft, wenn es um konkrete Wirkungen geht. Es fasst zusammen und interpretiert, prüft aber keine Hypothese unter kontrollierten Bedingungen. Die Auswahl der berücksichtigten Studien folgt keinem festgelegten, reproduzierbaren Suchverfahren wie bei einer systematischen Übersichtsarbeit, was Raum für Auswahleffekte lässt. Viele der zugrunde liegenden Arbeiten sind klein, kurz und in ihren Fastenprotokollen sehr unterschiedlich, was einen direkten Vergleich erschwert. Ein Teil der Erkenntnisse über Energieverfügbarkeit und Hormone stammt zudem aus Untersuchungen an Sportlerinnen oder aus der Grundlagenforschung und lässt sich nicht ohne Weiteres auf durchschnittlich aktive Menschen übertragen. Vor allem gilt: Das Review beschreibt biologische Unterschiede und plausible Mechanismen. Es liefert keinen Beleg dafür, dass eine bestimmte Fastenform für Frauen oder Männer nachweislich besser oder schlechter ist.
Die Botschaft dieser Arbeit ist unbequem für alle, die eine einfache Regel suchen. Ein Fastenplan, der bei einem Mann funktioniert, ist nicht automatisch der richtige für eine Frau, weil der Körper unterschiedlich auf Energiemangel antwortet, und weil das Fortpflanzungssystem der Frau darauf besonders empfindlich reagiert. Das ist kein Argument gegen Intervallfasten, sondern ein Argument gegen die Vorstellung, dass es eine einzige Antwort für alle gibt. Für die Forschung folgt daraus eine klare Aufgabe: Frauen einschliessen, Ergebnisse getrennt auswerten, den Zyklus nicht als Störgrösse behandeln, sondern als Information. Bis das geschehen ist, bleibt jede Empfehlung, die das Geschlecht ignoriert, eine halbe Empfehlung.
Quellen
- The Influence of Biological Sex on the Physiological Response to Intermittent Fastinget al. · 2025 · NutrientsDOI 10.3390/nu18101502PMID 42196961