Feinstaub in den BRICS-Staaten: eine wachsende Krankheitslast

By ELESSAR

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Messung maximaler PM2.5-Feinstaubkonzentrationen an einer brennenden Müllkippe am Straßenrand in der Nähe von Mumbai, Indien
Sumaira Abdulali · Wikimedia Commons · CC BY-SA

Feinstaub in den BRICS-Staaten: eine wachsende Krankheitslast

Feinstaub ist so fein, dass er tief in die Lunge und ins Blut gelangt. Eine neue Auswertung zeigt, wie viel Krankheit und wie viele frühe Todesfälle er in den bevölkerungsreichsten Schwellenländern der Welt verursacht, und dass sich die Richtung je nach Land deutlich unterscheidet.

Wenn Luft schlecht ist, sieht man das selten. Der gefährlichste Teil der Luftverschmutzung ist unsichtbar: Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern, kurz PM2.5. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist etwa dreißigmal dicker. Diese winzigen Teilchen bleiben nicht in der Nase hängen. Sie dringen tief in die Lunge ein, ein Teil von ihnen gelangt bis ins Blut. Dort begünstigen sie Entzündungen, verengte Gefässe und über die Jahre schwere Erkrankungen von Herz, Kreislauf und Atemwegen. Genau diese Belastung hat eine Forschungsgruppe für die BRICS-Staaten über einen langen Zeitraum ausgewertet, also für Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, jene Gruppe grosser Schwellenländer, in denen ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung lebt.

Die Arbeit stützt sich auf die Global Burden of Disease Study, ein grosses internationales Projekt, das seit Jahrzehnten Krankheiten und ihre Ursachen weltweit zusammenträgt. Die Autorinnen und Autoren zogen daraus die Zahlen zur Feinstaubbelastung heraus und verfolgten sie über 33 Jahre hinweg, von 1990 bis 2023. Es handelt sich nicht um eine Studie, in der Menschen einzeln untersucht wurden. Es ist eine modellbasierte Beobachtungsanalyse: Die Forschenden kombinieren Messdaten, Satellitenbeobachtungen und statistische Modelle, um zu schätzen, wie viele Todesfälle und wie viele Jahre gesunden Lebens durch Feinstaub verloren gehen. Ein zentrales Mass ist dabei das sogenannte DALY, ein Wert, der frühe Sterblichkeit und die durch Krankheit beeinträchtigten Lebensjahre zusammenfasst. Vereinfacht gesagt: ein verlorenes Jahr in guter Gesundheit.

Das Ergebnis ist deutlich und nüchtern zugleich. Feinstaub gehört in den BRICS-Staaten zu den grössten umweltbedingten Gesundheitsrisiken. Er trägt jedes Jahr zu Millionen frühen Todesfällen bei, der grösste Teil davon durch Herzinfarkte, Schlaganfälle, chronische Lungenerkrankungen und Lungenkrebs. Über die drei Jahrzehnte betrachtet, verläuft die Entwicklung jedoch nicht in eine einzige Richtung. In Ländern, die stark in sauberere Energie, Filtertechnik und Luftreinhaltung investiert haben, ist die altersbereinigte Belastung gesunken. Anderswo blieb sie hoch oder nahm zu, getrieben von wachsender Bevölkerung, Industrialisierung, dem Verbrennen fester Brennstoffe in Haushalten und dem Verkehr. Weil zugleich die Bevölkerung altert, kann die absolute Zahl der Betroffenen steigen, selbst wo die Rate pro Kopf fällt. Diese beiden Bewegungen auseinanderzuhalten ist wichtig, um den Fortschritt nicht zu übersehen und die Last nicht zu beschönigen.

Dass Feinstaub der Gesundheit schadet, ist keine neue Erkenntnis. Der Zusammenhang zwischen PM2.5 und Herz-Kreislauf- sowie Atemwegserkrankungen ist über viele Studien und über Ländergrenzen hinweg gut belegt. Der Beitrag dieser Arbeit liegt in der langen Zeitspanne und im gezielten Blick auf eine Ländergruppe, die für die globale Gesundheit besonderes Gewicht hat. Sie macht sichtbar, dass Luftqualität kein festes Schicksal ist. Wo politische Entscheidungen ansetzen, ändert sich die Kurve. Zugleich erinnert die Analyse daran, dass ein grosser Teil des Risikos ausserhalb der Kontrolle des Einzelnen liegt. Niemand kann durch persönliches Verhalten die Luft einer ganzen Stadt reinigen. Das verschiebt die Verantwortung dahin, wo sie hingehört: in Energie-, Verkehrs- und Umweltpolitik.

Solche Zahlen beruhen auf Schätzungen, nicht auf einer Zählung von Personen. Die Feinstaubbelastung wird modelliert, nicht an jedem Ort gemessen, und in Regionen mit wenigen Messstationen ist die Unsicherheit grösser. Die Analyse zeigt Zusammenhänge auf Bevölkerungsebene, keine Ursache im Einzelfall: Sie sagt nicht, dass ein bestimmter Herzinfarkt durch Feinstaub ausgelöst wurde, sondern dass die Belastung die Zahl solcher Ereignisse in einer Bevölkerung erhöht. Feinstaub kommt zudem selten allein. Rauchen, Bluthochdruck, Ernährung und andere Umweltfaktoren wirken mit, und die Modelle versuchen das zu berücksichtigen, ohne es vollständig auflösen zu können.

Die Luft, die wir atmen, entscheidet still über einen Teil unserer Gesundheit, oft über Jahrzehnte hinweg. Diese Auswertung zeigt beides: die Grösse des Problems in den bevölkerungsreichsten Schwellenländern und den Beweis, dass sich etwas bewegen lässt. Wo saubere Energie und ernst gemeinte Luftreinhaltung greifen, sinkt die Last. Das ist keine kleine Beobachtung. Sie bedeutet, dass hinter den Millionenzahlen keine unabänderliche Naturgewalt steht, sondern das Ergebnis von Entscheidungen.

Quellen

  1. Burden of disease attributable to ambient PM2.5 air pollution in BRICS countries, 1990-2023: a Global Burden of Disease analysisAnalyse der BRICS-Feinstaubbelastung auf Basis der Global Burden of Disease Study 2023 · 2026 · BMJ Global HealthDOI 10.1136/bmjgh-2026-023674PMID 42331512