Anthocyane und das Herz: Was eine Auswertung von 30 Studien zeigt

By ELESSAR

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Nahaufnahme vieler nasser Blaubeeren
Comfreak · Wikimedia Commons

Anthocyane und das Herz: Was eine Auswertung von 30 Studien zeigt

Die roten und blauen Farbstoffe in Heidelbeeren, Holunder und schwarzen Johannisbeeren gelten seit Langem als gesund. Eine neue Zusammenschau randomisierter Studien fragt nüchtern, was davon für Herz und Gefässe messbar bleibt.

Anthocyane sind die Pigmente, die Heidelbeeren blau, Kirschen rot und Auberginen dunkelviolett färben. Sie gehören zur grossen Familie der Flavonoide, also jener Pflanzenstoffe, die in Obst, Gemüse und Getränken wie Tee vorkommen. Seit Jahren steht die Frage im Raum, ob diese Stoffe nicht nur schön aussehen, sondern auch dem Herz-Kreislauf-System nützen. Einzelne Studien deuteten es an, doch ihre Ergebnisse widersprachen sich oft.

Ein Forschungsteam hat deshalb die verfügbare Evidenz zusammengetragen und in einer Meta-Analyse ausgewertet, veröffentlicht im American Journal of Clinical Nutrition. Eine Meta-Analyse bündelt die Daten vieler einzelner Untersuchungen zu einem gemeinsamen Effektschätzer. In diesem Fall flossen 30 randomisierte kontrollierte Studien ein. Randomisiert heisst: Die Teilnehmenden wurden per Zufall entweder der Gruppe mit Anthocyanen oder einer Vergleichsgruppe zugeteilt. Dieses Design gilt als der belastbarste Weg, einen Effekt einer Substanz von blossem Zufall oder Lebensstil zu trennen.

Im Blick hatten die Forschenden mehrere kardiometabolische Marker, also Messwerte, die etwas über den Zustand von Herz, Gefässen und Stoffwechsel aussagen. Dazu zählten die Blutfette, allen voran das LDL-Cholesterin, der Blutdruck sowie Entzündungsmarker im Blut.

Über die gepoolten Studien hinweg ging die Einnahme von Anthocyanen im Mittel mit einem niedrigeren LDL-Cholesterin einher. LDL ist jene Fraktion des Cholesterins, die sich in Gefässwänden ablagern kann und deshalb als Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall gilt. Der beobachtete Rückgang war moderat, nicht in der Grössenordnung eines cholesterinsenkenden Medikaments, aber messbar und statistisch stabil.

Auch beim Blutdruck zeigte sich eine leichte Senkung, sowohl beim oberen (systolischen) als auch tendenziell beim unteren (diastolischen) Wert. Bei den Entzündungsmarkern, die anzeigen, wie stark stille Entzündungsprozesse im Körper ablaufen, fielen die Werte in der Anthocyan-Gruppe im Durchschnitt ebenfalls etwas günstiger aus.

Wichtig ist die Grössenordnung. Es handelt sich um Verschiebungen, die auf Bevölkerungsebene und über lange Zeit bedeutsam sein könnten, im Einzelfall aber gering ausfallen. Zudem war die Wirkung nicht überall gleich. In manchen Analysen hing der Effekt von der Dosis ab, von der Dauer der Einnahme und davon, ob die Teilnehmenden bereits erhöhte Werte oder Risikofaktoren mitbrachten. Menschen mit ungünstigen Ausgangswerten profitierten in einigen Auswertungen deutlicher als gesunde Personen.

Der Befund reiht sich in eine lange Forschungslinie ein, die Flavonoide mit besserer Gefässgesundheit in Verbindung bringt. Frühere Beobachtungsstudien hatten gezeigt, dass Menschen mit einer flavonoidreichen Ernährung seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln. Solche Beobachtungen können jedoch nie beweisen, dass der Pflanzenstoff die Ursache ist, denn wer viel Beerenobst isst, lebt oft insgesamt gesünder.

Genau hier liegt der Wert dieser Meta-Analyse. Weil sie ausschliesslich randomisierte Studien bündelt, kommt sie einer kausalen Aussage näher als reine Ernährungsstatistik. Sie stützt die Idee, dass Anthocyane selbst zu den beobachteten Effekten beitragen, und nicht nur der gesündere Lebensstil der Beerenesser.

Denkbare biologische Erklärungen gibt es mehrere. Anthocyane wirken im Labor antioxidativ, könnten die Funktion der Gefässinnenwand verbessern und Entzündungssignale dämpfen. Wie genau diese Mechanismen beim Menschen zusammenspielen, ist noch nicht abschliessend geklärt. Die neue Auswertung liefert kein Rezept, sie schärft das Bild: Der Zusammenhang zwischen diesen Farbstoffen und der Herzgesundheit ist plausibel und in kontrollierten Versuchen sichtbar, aber in seiner Grösse begrenzt.

Aus einer solchen Auswertung lässt sich keine Verordnung ableiten, wohl aber eine ruhige Einordnung. Anthocyanreiche Lebensmittel wie dunkle Beeren, rote Trauben, Kirschen, Rotkohl oder Auberginen sind Teil einer Ernährung, die viele Fachgesellschaften ohnehin empfehlen. Sie in den Speiseplan aufzunehmen, ist unkompliziert und kann als sinnvoller Baustein einer herzfreundlichen Ernährung gelten.

Wer bereits erhöhte Cholesterin- oder Blutdruckwerte hat, sollte den Verzehr solcher Lebensmittel nicht als Ersatz für eine ärztlich empfohlene Behandlung verstehen. Die Effekte in der Studie waren moderat und ersetzen keine Therapie. Fragen zu Nahrungsergänzungsmitteln mit konzentrierten Anthocyanen wären mit ärztlichem oder ernährungswissenschaftlichem Fachpersonal zu besprechen, zumal die untersuchten Präparate und Dosierungen sehr unterschiedlich waren.

Die eingeschlossenen Studien unterschieden sich stark. Sie verwendeten verschiedene Quellen von Anthocyanen, von Beerenextrakten über Säfte bis zu isolierten Präparaten, in unterschiedlichen Dosen und über unterschiedlich lange Zeiträume. Diese Heterogenität erschwert es, eine einzige klare Aussage abzuleiten, und kann die gepoolten Werte beeinflussen.

Viele der Einzelstudien waren zudem klein und liefen über wenige Wochen bis Monate. Ob sich die moderaten Effekte über Jahre halten und tatsächlich Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindern, lässt sich aus Markern allein nicht beantworten. Gemessen wurden Zwischengrössen wie Cholesterin und Blutdruck, nicht harte klinische Ereignisse. Auch mögliche Publikationseffekte, bei denen positive Ergebnisse häufiger veröffentlicht werden, lassen sich in solchen Auswertungen nie ganz ausschliessen.

Die Farbstoffe, die dunkle Beeren so kräftig färben, hinterlassen offenbar auch im Blut eine Spur. Über 30 randomisierte Studien hinweg gingen Anthocyane mit etwas niedrigerem LDL-Cholesterin, leicht gesenktem Blutdruck und geringeren Entzündungswerten einher. Das ist ein solider Hinweis, kein Versprechen. Der Effekt ist real genug, um die Empfehlung nach mehr pflanzlicher Vielfalt zu stützen, und bescheiden genug, um niemanden glauben zu lassen, eine Handvoll Heidelbeeren ersetze das, was sonst für ein gesundes Herz zählt.

Quellen

  1. Effects of anthocyanins on cardiometabolic health: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trialset al. · 2026 · The American Journal of Clinical NutritionDOI 10.1016/j.ajcnut.2026.101304PMID 42547104