Ich schreibe diesen Brief nicht, um etwas zu verkaufen. Ich schreibe ihn, weil ich glaube, dass man ein Unternehmen erst dann wirklich versteht, wenn man versteht, warum es jemand begonnen hat. Die meisten Erklärungen über Firmen entstehen rückwärts – man baut etwas und denkt sich später eine saubere Geschichte dazu aus. Ich möchte das hier nicht tun. Ich möchte ehrlich aufschreiben, was mich tatsächlich hierhergebracht hat, mit allen Umwegen.
Mein Hintergrund ist unspektakulär, und das ist mir wichtig zu sagen. Ich habe eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht und parallel Betriebswirtschaft studiert; inzwischen arbeite ich langfristig auf einen Master im Bereich Entrepreneurship hin. Ich habe einige Jahre in Unternehmen gearbeitet, in Teams, in der Nähe von Führungsentscheidungen, oft genug auch im ganz normalen Druck des Alltags. Ich bin kein Mediziner. Ich bin kein Wissenschaftler. Was ich mitbringe, ist vor allem Beobachtung – das genaue Hinsehen, wie Menschen in Organisationen miteinander umgehen, wie kommuniziert wird, und wie oft das Wichtigste übersehen wird, weil niemand die Zeit oder die Mittel hatte, es früh genug zu erkennen.
Genau dieses Übersehen ist der Ausgangspunkt von allem.
Die Geschichte, die alles verändert hat
Es gibt eine Erfahrung, die ich nicht mehr losgeworden bin.
Ich habe in der Zusammenarbeit mehr als einmal erlebt, wie ein Mensch über lange Zeit eine stille, kaum sichtbare Last trug — beruflich wie privat —, während von außen alles in Ordnung schien. Der Druck blieb hoch, der Arbeitsfluss unverändert, und das Umfeld erkannte das Ausmaß erst, als die Belastung längst zu groß geworden war. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Mittel fehlten, es früher zu sehen. Die Belastung war da gewesen, lange vorher, jeden Tag — sie war nur nicht sichtbar.
Was mich daran bis heute beschäftigt, ist nicht ein einzelner, dramatischer Moment. Es ist die lange, stille Zeit davor. Und die Tatsache, dass das kein Einzelfall war. Ich habe in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder dasselbe Muster gesehen: Menschen kommen an ihre Grenze, und das Umfeld erkennt es erst, wenn die Grenze bereits überschritten ist.
Daraus wurde eine Frage, die ich nicht mehr ablegen konnte: Warum erkennen Organisationen Belastung so oft erst dann, wenn ein Mensch schon an seine Grenze gekommen ist? Und kann Technologie helfen, solche Muster früher sichtbar zu machen – nicht, um Menschen zu ersetzen, nicht, um sie zu überwachen, sondern um Führungskräften zu helfen, rechtzeitig hinzusehen?
Mir wurde dabei eine Unterscheidung wichtig, die bis heute den Kern meiner Arbeit prägt. Es gibt Dinge, in denen Technologie dem Menschen objektiv überlegen ist: große Datenmengen geduldig auswerten, Muster über Zeit erkennen, Zusammenhänge sichtbar machen, die im Alltag untergehen. Und es gibt Dinge, die zutiefst menschlich bleiben müssen: das Gespräch, die Empathie, die Unterstützung, die Entscheidung, jemanden zu entlasten. Der Fehler vieler Systeme ist, diese beiden Ebenen zu verwechseln – entweder der Technik etwas zuzutrauen, das Menschen tun sollten, oder Menschen mit einer Auswertungsarbeit zu überfordern, die eine Maschine besser leisten kann.
Ich wollte etwas bauen, das diese Grenze respektiert. Die Maschine macht Muster sichtbar. Der Mensch bleibt der Mensch. Aus dieser Überzeugung ist später der Unternehmensbereich von Longevity Journey entstanden – der Gedanke, dass man Teams nicht überwacht, sondern Führungskräften ruhig hilft, früher und menschlicher hinzusehen.
Warum Gesundheit
Man hätte aus dieser Beobachtung viele Unternehmen bauen können. Ich habe mich für Gesundheit entschieden, und ich möchte ehrlich sein, warum.
Es ging nie zuerst um Geld. Auch nicht um Prestige. Ich weiß, dass das wie eine Floskel klingt, deshalb versuche ich, es genauer zu sagen: Mein eigentlicher Antrieb war der Wunsch, etwas zu tun, das einen echten Unterschied im Leben von Menschen macht. Ich bin überzeugt, dass wir, wenn wir die Möglichkeit haben, etwas zu verbessern, auch die Verantwortung haben, es zu versuchen. Diese Haltung ist simpel, aber sie ist der ehrlichste Grund, den ich anbieten kann.
Gesundheit habe ich gewählt, weil sie das Fundament unter allem anderen ist. Karriere, Beziehungen, Ziele, Pläne – all das steht und fällt mit der Gesundheit. Sie ist das Wertvollste, das wir haben, und gleichzeitig das, was wir am leichtesten als selbstverständlich nehmen, solange es da ist.
Ich glaube, dass der Gesundheitssektor in vielen Bereichen noch deutlich mehr Potenzial hat, als heute genutzt wird. Das ist kein Vorwurf an die Menschen, die dort arbeiten – im Gegenteil, dort arbeiten viele der klügsten und engagiertesten Menschen überhaupt. Es ist eine Beobachtung über Geschwindigkeit. Innovation bewegt sich in der Gesundheit oft langsamer, als sie könnte. Die Gründe dafür sind verständlich – Vorsicht, Regulierung, Verantwortung, und das zu Recht. Aber das Ergebnis ist, dass zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was Menschen im Alltag tatsächlich erreicht, häufig eine größere Lücke klafft, als nötig.
Wenn Gesundheit unser wertvollstes Gut ist, dann erscheint es mir nur folgerichtig, dass ein möglichst großer Teil menschlicher Innovationskraft darauf verwendet werden sollte: Gesundheit besser zu verstehen, Probleme früher zu erkennen und Menschen länger gesund zu halten. Das ist kein Versprechen, das ich allein einlösen kann. Aber es ist die Richtung, in die ich meine Arbeit stellen wollte.
Warum Gaia existiert
Der zweite prägende Moment kam aus einer ganz unscheinbaren Quelle: einem Nutzerkommentar zu einem bekannten Gesundheits-Tracker.
Der Nutzer beschwerte sich, dass ihm sein Gerät immer wieder sagte, er müsse acht oder neun Stunden schlafen – obwohl er sich mit sieben Stunden ausgezeichnet fühlte. Die Daten sagten das eine, der Mensch erlebte das andere. Was mich daran festhielt, war nicht die Frage, wer recht hatte. Es war die Erkenntnis dahinter.
Gesundheit besteht nicht nur aus Messwerten.
Ein Mensch kann auf dem Papier perfekte Werte haben und sich trotzdem schlecht fühlen. Eine Trennung, ein Verlust, anhaltender Stress, eine seelische Last – nichts davon erscheint sauber in einer Schlafkurve, und doch prägt es, wie es einem wirklich geht. Daten allein erzählen nie die ganze Geschichte. Sie sind ein Teil des Bildes, manchmal ein wichtiger, aber eben nur ein Teil.
Genau hier ist die Idee von Gaia entstanden. Nicht als weiterer Chatbot. Nicht als noch ein Tracker, der noch mehr Zahlen produziert. Sondern als eine Intelligenz, die versucht, eine viel menschlichere Frage zu stellen: Wie geht es diesem Menschen eigentlich wirklich?
Die Antwort darauf liegt nicht in einer einzelnen Zahl, sondern im Zusammenspiel – von Daten und Kontext, von Verhalten und subjektivem Empfinden, von dem, was messbar ist, und dem, was sich nur erzählen lässt. Gaia ist mein Versuch, diese Ebenen zusammenzudenken, statt sie getrennt nebeneinander stehen zu lassen. Nicht um zu urteilen. Nicht um zu diagnostizieren. Sondern um Verständnis zu schaffen, das ruhig genug ist, um zu helfen, und ehrlich genug, um seine eigenen Grenzen zu kennen.
Ich bin mir bewusst, dass das ein hoher Anspruch ist und dass wir ihm heute erst in Ansätzen gerecht werden. Aber die Richtung ist klar: Gaia soll Menschen helfen, ihre eigene Gesundheit in Zusammenhängen zu verstehen – und dabei nie vergessen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht.
Warum Elessar größer ist als eine App
Longevity Journey ist das, was man heute sehen kann. Aber es ist nicht das Ziel. Es ist der erste sichtbare Schritt.
Ich sage das nicht, um etwas größer zu machen, als es ist. Im Gegenteil – ich glaube, man muss klein und konkret anfangen, sonst bleibt jede Vision leer. Aber ich möchte ehrlich sein über die Richtung, in die ich denke, auch wenn vieles davon weit in der Zukunft liegt.
Ich glaube an eine Zukunft, in der Gesundheitsverständnis viel früher beginnt als heute. Eine Zukunft, in der Biomarker leichter zugänglich werden, in der Gesundheitsdaten intelligenter miteinander verknüpft sind, in der sich Entwicklungen früher erkennen lassen und Prävention stärker wiegt als Reaktion. Wenn ich sehr weit denke, sehe ich Möglichkeiten in Technologien wie kontinuierlicher Biomarkeranalyse, in kleinen, kaum spürbaren Sensoren, in intelligenter Mustererkennung und KI-gestützter Prävention.
Ich möchte hier sehr deutlich sein, gerade weil es im Gesundheitsbereich darauf ankommt: Das sind langfristige Visionen, an die ich glaube – keine Produktversprechen, keine Roadmap, keine Behauptung darüber, was wir heute können. Ich schreibe sie auf, weil ein Gründerbrief ehrlich zeigen sollte, wohin jemand will, nicht weil ich verspreche, dort bereits angekommen zu sein. Der Weg dorthin ist lang, er verlangt Sorgfalt, Wissenschaft und Verantwortung, und vieles davon wird gar nicht von mir allein, sondern von vielen Menschen gemeinsam gebaut werden.
Elessar ist für mich der Rahmen für diese lange Richtung. Longevity Journey ist der Anfang, an dem sich beweisen muss, ob die Idee in der Realität trägt. Beides gehört zusammen: der erste konkrete Schritt und das größere Warum dahinter.
Die Zukunft, an die wir glauben
Wenn ich die ganze Idee auf einen einzigen Satz verdichten müsste, dann diesen: Gesundheit sollte vom Reagieren zum Verstehen übergehen.
Heute setzt vieles erst ein, wenn ein Problem bereits sichtbar ist. Ich glaube, dass der größere Wert davorliegt – in der langen, ruhigen Phase, in der sich Dinge entwickeln, bevor sie sich zuspitzen. Menschen sollten Zusammenhänge verstehen können, nicht nur Symptome. Nicht nur Einzelwerte. Nicht nur Diagnosen. Sie sollten sehen, wie das, was sie täglich tun, mit dem zusammenhängt, wie es ihnen über die Zeit geht.
Eine bessere Zukunft der Gesundheit ist für mich präventiver, persönlicher, verständlicher und menschlicher zugleich. Diese vier gehören zusammen. Prävention ohne Verständnis erzeugt nur Angst. Personalisierung ohne Menschlichkeit erzeugt nur Druck. Es geht um die Verbindung, nicht um eine einzelne Eigenschaft.
Und in all dem hat KI für mich eine klare, begrenzte Rolle. Sie ist kein Ersatz für Menschen, weder für Ärztinnen und Ärzte noch für die Fürsorge, die Menschen einander geben. Sie ist ein Werkzeug, das Verständnis skaliert – das hilft, Muster zu sehen und Zusammenhänge zu erklären, damit am Ende mehr Raum für das Menschliche bleibt, nicht weniger.
Warum ich es trotzdem versuche
Ich weiß, wie groß das alles klingt. Und ich weiß, wie leicht große Visionen unrealistisch wirken – besonders, wenn sie von jemandem kommen, der am Anfang steht.
Ich habe lange mit diesem Gefühl gerungen. Wer bin ich, das anzugehen? Es gibt klügere Menschen, größere Unternehmen, Institutionen mit jahrzehntelanger Erfahrung. Das stimmt alles. Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir etwas Einfaches: Fast jeder Fortschritt, den wir heute für selbstverständlich halten, ist entstanden, weil Menschen trotzdem angefangen haben. Nicht weil sie sicher waren, dass es gelingt. Sondern weil sie es für wichtig genug hielten, um es zu versuchen.
Träume müssen nicht Träume bleiben. Das ist keine romantische Aussage, sondern eine nüchterne Beobachtung über die Geschichte. Die Größe einer Vision ist kein Grund, sie nicht zu beginnen – sie ist höchstens ein Grund, demütig zu bleiben und in kleinen, ehrlichen Schritten zu arbeiten. Ich glaube nicht, dass ich das alleine schaffe. Ich glaube, dass Fortschritt aus Mut entsteht, aus Zusammenarbeit und aus der Bereitschaft, Dinge anders zu denken – und dass der erste, kleinste Schritt mehr wert ist als die perfekte Idee, die nie begonnen wird.
Deshalb versuche ich es. Nicht, weil ich sicher bin, dass es gelingt. Sondern weil es mir wichtig genug ist, um es ernsthaft zu versuchen – ruhig, geduldig und über lange Zeit.
Vielleicht ist genau das die einzige Voraussetzung, die wirklich zählt: nicht die Gewissheit, dass eine Sache groß wird, sondern die Überzeugung, dass sie es wert ist.
— Julius Riex